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Gianna, FsJ 2011 bis 2012: "ein wertvolles und aufregendes Jahr"

Arbeiten mit Obdachlosen. In erster Linie Arbeiten mit obdachlosen Männern. Was kommt da wohl auf mich zu? Werden die mich die ganze Zeit anschnorren? Belästigen die mich? Drohen die mir Gewalt an? Muss ich deren Spritzen ausm Klo fischen? Werde ich Junkies aus dem Klo fischen müssen? Zugegeben. Ich hatte ein paar Ängste. Aber ich habe mich geirrt. Die Ängste haben sich überhaupt nicht bestätigt.

 Ich hatte eine sehr persönliche und tiefe Einsicht in die Geschichten, Gefühle und Persönlichkeiten der Besucher der Tageswohnung. Ich wurde immer respektvoll behandelt und habe mir, soweit ich das mitbekommen habe, keine Feinde gemacht. Während der Arbeit in der Abseits!?-Redaktion habe ich viel gelernt und konnte meinen Geist fit halten. Ich konnte kreativ sein, mich über interessante soziale Themen nachhaltig informieren und ich musste natürlich auch vernünftige Texte formulieren.

Bei den ganz alltäglichen Aufgaben konnte ich den Kopf auch mal abschalten. Da konnte ich in Ruhe und ohne Stress alles wegarbeiten.

Ab und zu konnte ich natürlich auch einfach mal mit den Besuchern einen Kaffee trinken. Ich lernte Menschen mit faszinierenden Geschichten kennen. Ich lernte aber auch Menschen kennen, für die ich kein Verständnis hatte, und die mich unglaublich wütend gemacht haben. Außerdem begegnete ich Menschen, denen nicht mehr zu helfen war, und ich musste ihnen dabei zusehen, wie sie kaputt gehen.

Mein ganz persönlicher Erfolg, der Abseits!?-Chor, bescherte mir ein Wechselbad der Gefühle. Mal war ich einfach nur maßlos überfordert, hatte Schweißausbrüche und musste mich wirklich zusammenreißen, niemanden anzuschreien, und mal war ich total stolz und überrascht und freute mich einfach, zu sehen, wie viel Spaß meine „Mäuse“ an der Sache hatten.

Natürlich machten mich auch meine Kollegen um eine Erfahrung reicher. Ich arbeitete in einem Team, dass so ganz anders ist als eine Schulklasse. Trotzdem habe ich jeden einzelnen sehr schnell in mein Herz geschlossen. Sie waren immer hilfsbereit und haben mir sofort ein Gefühl von Dazugehörigkeit gegeben. Wir sind schon eine verrückte Bande.

Mein freiwilliges soziales Jahr in der Tageswohnung für Wohnungslose war ein gutes, wertvolles und aufregendes Jahr. Ich bin gespannt, wie es in meinem Leben jetzt weitergeht, und wie oft die Erinnerung an das vergangene Jahr mir auf meinem Weg helfen wird und mir zugute kommt.

Gianna Niemeyer

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