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Foto: © Helga Duwendag-Strecker

Die Gesichter von abseits

Unsere Verkäufer

Welcher Osnabrücker hat sie noch nicht gesehen, die abseits-Verkäufer in der Osnabrücker Innenstadt, vor Einkaufszentren, Läden oder auf Wochenmärkten? Das Besondere ist, dass sie nicht „irgendein“ Produkt anbieten und verkaufen, sondern ein Produkt, an dem einige von ihnen selbst mitgewirkt haben; ein Produkt, hinter dem sie voll und ganz stehen, weil es ihre Geschichte erzählt.

Derzeit gibt es etwa 30 Verkäufer – seit 1995 waren es bislang insgesamt 580 Frauen und Männer, die abseits verkauft haben – wobei es „die festen“ gibt, die schon viele Jahre abseits verkaufen, und Verkäufer, die erst vor Kurzem damit begonnen haben. Die abseits-Verkäufer sind aus der Innenstadt nicht mehr wegzudenken, gehören zum Stadtbild dazu. Sehr schnell bauen sich alle Verkäufer ihre Stammkundschaft auf. Und viele Leser kaufen sich ihre abseits-Ausgabe nur bei „ihrem“ Stammverkäufer.

Die Philosophie von abseits war von Anfang an, den Verkäufern eine Alternative zum Betteln anzubieten, ihnen eine Zuverdienstmöglichkeit zu schaffen – vom Verkaufspreis von 1,60 € können sie direkt 80 Cent für sich behalten – und ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu stärken. Nach Aussage vieler Verkäufer, die beispielsweise vorher gebettelt haben, gibt ihnen der Verkauf von abseits das Gefühl, keine Almosen mehr zu empfangen, sondern für ihr Geld zu arbeiten. Mit dem Erlös aus dem Verkauf können sie sich manches Mal etwas leisten, wofür sie sonst kein Geld gehabt hätten. „Der Verkauf von abseits schafft auch Struktur für meinen Tagesablauf“, berichtet Erwin, der lange Jahre auf der Straße gelebt hat, von seinen Erfahrungen beim Verkauf. Anja betont, dass abseits für sie auch wichtig sei, "um aus ihrer Einsamkeit herauszukommen und eine sinnvolle Beschäftigung zu haben.“ Außerdem sind die Verkäufer beim Verkaufen der Straßenzeitung auf „Augenhöhe“ mit anderen Menschen in der Stadt und hocken nicht mehr „klein“ am Boden. Die Erfahrung hat auch gezeigt, dass über das Verkaufen die Bereitschaft der Bürger viel eher gegeben ist, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, der im sozialen Abseits lebt. Das Interesse für das Leben der Verkäufer ist groß, viele möchten hören, was sie zu erzählen haben.

Um einen reibungslosen und erfolgreichen Verkauf zu gestalten, haben die abseits-Verkäufer von Anfang an Regeln aufgestellt, an die sich alle halten müssen. Der Konsum von Alkohol oder Drogen und auch das gleichzeitige Betteln während des Verkaufs sind verboten, ebenso wie aggressives oder lautes Anbieten der Zeitung. Gerade wegen ihrer Zurückhaltung und der Rücksicht auf die Passanten sind die abseits-Verkäufer beliebt und akzeptiert. Was nicht heißt, dass unsere Verkäufer nicht gesprächsbereit und höflich wären. Es ist ihnen allerdings nicht gestattet, die Zeitung offensiv zu bewerben oder gar Passanten zu bedrängen. Wir möchten nicht, dass jemand unsere Zeitung kauft, weil er dazu genötigt wurde, sondern allein aus Interesse am Inhalt von abseits und um den Verkäufer zu unterstützen. Über die Verkäuferregeln und ihre Umsetzung wird bei den monatlich stattfindenden Verkäuferversammlungen in der Tageswohnung gesprochen. Bei diesen Treffen werden Erfahrungen ausgetauscht, eventuelle Schwierigkeiten, Probleme und die Standplatzbesetzungen besprochen.

Zwischen Lesern und Verkäufern von abseits sind schon unzählige, für beide Seiten hilfreiche Kontakte zustande gekommen. Langjährige Bekanntschaften mit privaten Einladungen zum Kaffee, Mittagessen oder gar zur Weihnachtsfeier sind keine Seltenheit. Zahlreiche Verkäufer haben über Stammkunden eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz gefunden. Die Erfahrung von Anerkennung, Akzeptanz und Respekt ist die Motivation für viele Verkäufer, ihr Leben wieder in eine Aufwärtsbewegung zu bringen, raus aus dem sozialen Abseits.

 

SH 20JVerkufer

Foto: © Thomas Osterfeld